Therapeutische Spiritualität

Die gegenwärtige Spiritualität ist neu in dem Sinn, daß sie auf den gefühlten Bedürfnissen einer Person gründet statt auf einer autoritativen Person oder Text. Selbstentfaltung ist zur neuen Form der Anbetung geworden, sowohl in traditionellen als auch in innovativen religiösen Kontexten – im Gegensatz zur Praxis der Selbstverleugnung. Diese Spiritualität übernimmt Präferenzen als ein Mittel zur Selbstverwirklichung (d.h. ein Weg zum vollsten Ausdruck seiner selbst als menschliches Wesen). Die Hingabe zu diesen Präferenzen ist zutiefst persönlich und subjektiv, was zu einem „persönlichen Jesus“ führt, der weder mit seiner transzendenten „Andersartigkeit“ konfrontiert noch die Kategorien Sünde, Hölle und Gericht bedient. Therapie als Modell der Spiritualität hat die traditionellen Normen als Folge der Säkularisierung der Kultur (d.h. der kulturelle Wandel der dazu geführt hat, daß religiöse Überzeugungen vollkommen privatisiert und vom sozialen Raum losgelöst wurden) ersetzt. Die göttliche Vorsehung, die über die Menschheit wacht, wurde durch die unsichtbare Hand der ökonomischen Kräfte ausgetauscht. Wo einst das allmächtige, wohlwollende Wesen als wesentlich für das tägliche Leben und Wohlbefinden angesehen wurde, wird es heute als ein kosmischer Hotelpage erachtet, der unsere Wünsche zu erfüllen hat.