Was ist die Aufgabe eines Pastors?

Colin Marshall und Tony Payne stellen in ihrem Buch „Das Spalier und der Weinstock“ ein Modell für die Gemeindearbeit vor, welches die Jüngerschaft des einzelnen Gemeindemitglieds im Zentrum hat. In Kapitel 8 vergleichen sie drei Dienstverständnisse des Pastors einer Gemeinde miteinander.

Das erste Modell „Der Pastor als Geistlicher“ ist die traditionelle Auffassung vieler reformierter oder lutherischer Gemeinden. Die Aufgabe des Pastors besteht darin, zu predigen und geistliche Dienste anzubieten. Der Sonntag hat mit seinem Gottesdienst einen hohen Stellenwert und an den Wochentagen kommt die Gemeinde wenn überhaupt, dann vorrangig zu besonderen Anlässen (Kasualien) zusammen. Der Pastor übt seinen Hirtendienst aus, indem er seelsorgerliche Gespräche führt und die Gemeindemitglieder zu Hause besucht. Im Grunde ist eine solche Gemeinde wie ein kleiner Tante-Emma-Laden oder ein 1-Mann-Betrieb: einer macht alles. Die Mitglieder der Gemeinde sind für die meiste Zeit Konsumenten, die daran interessiert sind, daß der Betrieb der Gemeinde aufrechterhalten bleibt.

Evangeliumsamnesie in der Gemeinde

Timothy Lane und Paul Tripp warnen in ihrem Buch „Alles anders – aber wie?“ davor, daß nicht nur einzelne Christen, sondern auch eine ganze Gemeinde das Evangelium vergessen kann (eine sogenannte Evangeliumsamnesie).

Dabei hat der Grad, inwieweit die Mitglieder der Gemeinde das Evangelium verstehen und auf ihr Leben anwenden können, tiefgreifenden Einfluß auf die Kultur der Gemeinde. Die Autoren beschreiben folgenden Prozeß, der normalerweise in der Ortsgemeinde abläuft:

  1. Jede Woche gibt es in der Gemeinde Menschen mit einer Vielfalt an Problemen.
  2. Die Bibel lehrt, daß wir alles haben, um diesen Menschen zu helfen (siehe 2. Petrus 1:3).

Für eine evangeliumszentrierte Gemeinde

Die Gemeindephilosophie der meisten Freikirchen unserer Zeit läßt sich gut in vier Ansätze einteilen.

Da ist zunächst die Gemeinde als Familie. Viele ältere Gemeinden entwickeln sich in dieses Gemeindemodell. Dabei steht die Gemeinschaft und Eintracht der Mitglieder im Zentrum des Gemeindeanliegens. Die entscheidende Frage, die man sich stellt ist: Wie können wir sicherstellen, daß sich die Mitglieder unserer Gemeinde wohlfühlen und zusammenhalten?

Ein weiterer Ansatz ist die besucherorientierte Gemeinde. Obwohl es hier sehr viele verschiedene Untergruppen gibt, ist doch das gemeinsame Hauptanliegen, Menschen zu erreichen, die noch nicht zur Gemeinde gehören. Ob man nun versucht, die Predigt an den Bedürfnissen der Besucher auszurichten oder einen gesellschaftstransformatorischen Ansatz verfolgt, so ist doch die Frage am Ende die gleiche: Wie können wir unsere Gemeinde so gestalten, daß sie anziehend für Außenstehende wirkt?

Die Kennzeichen eines treuen Dienstes am Evangelium

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  • Paulus hat ein sehr besonderes Verhältnis zur Gemeinde in Ephesus, die er mitgegründet hatte und wo er viel Zeit zu Beginn seiner dritten Missionsreise verbracht hatte.
  • Später sandte er Timotheus als Pastor nach Ephesus und schließlich würde sogar Johannes dort dienen.
  • Die Gemeinde hatte für ihn strategische Bedeutung für die ganze Region.
17 Von Milet aber sandte er nach Ephesus und ließ die Ältesten der Gemeinde herüberrufen.
  • Als Paulus sich auf der Rückreise befand, wollte er nochmal ausdrücklich mit den Ältesten der Gemeinde in Ephesus sprechen und sie besonders ermahnen und ermutigen.

Jüngerschaft in der dritten Generation

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  • Der Hebräerbrief betont die langfristige Perspektive im christlichen Leben.
    • 14 Denn wir haben Anteil an Christus bekommen, wenn wir die anfängliche Zuversicht bis ans Ende standhaft festhalten. (Hebräer 3:14)
    • 11 Wir wünschen aber, daß jeder von euch denselben Eifer beweise, so daß ihr die Hoffnung mit voller Gewißheit festhaltet bis ans Ende, 12 damit ihr ja nicht träge werdet, sondern Nachfolger derer, die durch Glauben und Geduld die Verheißungen erben. (Hebräer 6:11-12)
    • 36 Denn standhaftes Ausharren tut euch not, damit ihr, nachdem ihr den Willen Gottes getan habt, die Verheißung erlangt. (Hebräer 10:36)

Eine Liebe für die Gemeinde

Kevin DeYoung und Ted Kluck erklären in ihrem Buch „Why We Love the Church: In Praise of Institutions and Organized Religion“ warum sie die traditionelle Gemeinde trotz ihrer Schwächen immer noch schätzen und sich für sie einsetzen. Das Buch ist eine Reaktion auf die moderne Bewegung von Evangelikalen, die die Gemeinde verlassen, um ein anti-institutionelles Christsein in echter Gemeinschaft zu leben.

Während DeYoung und Kluck Schwächen und Makel der traditionellen Gemeinde bereitwillig zugeben, stellen sie doch vier wichtige Fragen an Menschen, die ein Christsein außerhalb der Gemeinde leben wollen:

  • Wendest du dich gegen die Gemeinde oder eigentlich gegen den orthodoxen, christlichen Glauben?

Was ist der Auftrag der Gemeinde?

Michael Horton versucht in seinem Buch „Beyond Culture Wars“ die Frage zu beantworten, womit wir uns als Christen in einer zunehmend gottesfernen Kultur hauptsächlich beschäftigen sollten. Geht es darum, politische Ämter zu gewinnen und damit Einfluß auf die Regierung des Landes zu nehmen? Sollten Christen sich darauf konzentrieren, durch Protestaktionen den Verfall christlicher Werte öffentlich zu beklagen und versuchen aufzuhalten? Für Horton ist ganz klar: Das Neue Testament sieht den Auftrag der Christen nicht primär in der politischen Einflußnahme, sondern in der Verkündigung des Evangeliums.

Ein Plädoyer für eine kongregationalistische Gemeindestruktur

Beim Kongregationalismus liegt die letzte Entscheidungsgewalt bei der Gemeindeversammlung, nicht bei den Ältesten (Presbyterianismus) oder bei einem übergeordneten Bischof (Episkopalismus). Daß diese Gemeindestruktur auch die biblische ist, verteidigt Jonathan Leeman in seinem neuen Buch „Understanding The Congregation’s Authority“.

In gewisser Hinsicht ist das ganze Neue Testament ein Zeugnis dafür, daß einzelne Gemeinden ihre Angelegenheiten unter der Führung von Ältesten selbst verwalteten. Aber es gibt einige zentrale Bibelstellen, die deutlich machen, daß sowohl Jesus als auch Paulus davon ausgingen, daß die Mitglieder der Gemeinde in ihrer Versammlung das letzte Sagen in der Gemeinde haben.

Welche Gemeinde ist die richtige?

Wenn es darum geht, welche Gemeinde man als Christ besuchen sollte, ist es ratsam, sich nicht von äußerlichen Merkmalen wie der Schönheit des Gemeindegebäudes oder dem Stil des Lobpreises leiten zu lassen. Stattdessen sollte die Frage, wie das Evangelium in der Gemeinde gepredigt und gelebt wird das primäre Kriterium sein. So wie es für das eigene Leben am wichtigsten ist, daß man das Evangelium glaubt und aus dem Evangelium lebt, so gilt der gleiche Anspruch und die gleiche Priorität für die Gemeinde. Ich schlage folgende vier Kriterien vor, nach denen man eine neue Gemeinde prüfen sollte oder auch die eigene Gemeinde, in der man schon länger Mitglied ist.

Kein Platz für Wahrheit

Theologie, die Lehre von Gott, ist ein Fremdwort in unseren Gemeinden geworden, teilweise sogar ein Haßwort. Wir wollen Gemeinde bauen, Gemeinschaft leben, Menschen mit dem Evangelium erreichen. Da bleibt keine Zeit für die dröge Beschäftigung mit tieferen Wahrheiten. Nur was funktioniert, zählt. Viele Christen begnügen sich mit einem oberflächlichen Gottesbild und mit einer Einstiegskenntnis der Bibel, solange sie für ihr Leben Trost und Halt finden.

David Wells beschäftigt sich in seinem denkwürdigen Buch „No Place for Truth: or Whatever Happened to Evangelical Theology?“ mit den Gründen für die nebensächliche Rolle bzw. das Verschwinden der Theologie in den evangelikalen Gemeinden.