Reformierte Anbetung

Ein Hauptanliegen der Reformatoren und vielleicht das wichtigste Anliegen von Johannes Calvin war die Reformation der Anbetung in den Gemeinden. Christen sollten Gott nicht länger in selbstgewähltem Gottesdienst anbeten, sondern gemäß seines offenbarten Willens.

Was will Gott im zweiten Gebot?
Gott will, dass wir ihn in keiner Weise abbilden, 5. Mose 4, 15-19 / Jes; 40, 18-20.25
noch ihn auf irgendeine andere Art verehren, Röm 1, 23-24 / Apg 17, 29
als er es in seinem Wort befohlen hat. 1. Sam 15, 23 / Mt 15, 9 / 5. Mose 12,30-32

Heidelberger Katechismus, Frage 96

Gründe für die Säkularisierung

Charles Taylor reflektiert in seinem Buch „Ein säkulares Zeitalter“ darüber, was sich im Zuge der erfolgreichen Reformation im Denken der Menschen geändert hat. Johannes Calvin hatte laut Taylor ein zweifältiges Anliegen. Er wollte, daß die Menschen wieder alles zur Ehre Gottes allein tun. Und er wollte, daß sie sich bewußt werden, daß alles Gute, das sie im Leben empfangen und tun, nur durch die Gnade Gottes möglich wird.

Vivifikation

Etwas zu vivifzieren (lat. für beleben) heißt, ihm Leben zu schenken. Der Ausdruck Vivifikation (Belebung) impliziert das Hinzufügen von Leben, Qualität oder Energie zu etwas anderem. Das Wort wird nicht häufig außerhalb der Theologie gebraucht. Es wird von Johannes Calvin in seinem „Unterricht in der christlichen Religion“ verwendet, und seine Bedeutung ist heute die meistgebräuchliche. Diese „Vivifikation“ ist die Stärkung und Befähigung durch den Heiligen Geist, um ein gerechtes und gottesfürchtiges Leben zu führen. Es ist das gottgeführte Wachstum des geistlichen und moralischen Charakters eines Christen.

Selbstgewählter Gottesdienst

Zur Zeit der Reformation, als Kaiser Karl V. gerade einen Reichstag zu Speyer abhielt (1544), schrieb Johannes Calvin auf Anraten Martin Bucers zu diesem Anlaß ein kurzes Traktat, um den Kaiser und die Fürsten davon zu überzeugen, daß die Reformation der Kirche wirklich notwendig gewesen war.

Was mich beim Lesen dieses Traktates überraschte, war daß der Kernpunkt der Kritik Calvins an der katholischen Kirche nicht deren Verständnis der Rechtfertigung (Glaube+Werke) ist, sondern ihr Verständnis der Anbetung Gottes. Calvin macht seine Kritik unter anderem an Kolosser 2:23 fest, welches von selbstgewähltem Gottesdienst (ἐθελοθρησκίᾳ) spricht.

Mußte die Reformation sein? Calvins Antwort an Kardinal Sadolet

JOHN CALVIN TO JAMES SADOLET, CARDINAL, – HEALTH.

IN the great abundance of learned men whom our age has produced, your excellent learning and distinguished eloquence having deservedly procured you a place among the few whom all, who would be thought studious of liberal arts, look up to and revere, it is with great reluctance I bring forward your name before the learned world, and address to you the following expostulation. Nor, indeed, would I have done it if I had not been dragged into this arena by a strong necessity. For I am not unaware how reprehensible it would be to show any eagerness in attacking a man who has deserved so well of literature, nor how odious I should become to all the learned were they to see me stimulated by passion merely, and not impelled by any just cause, turning my pen against one whom, for his admirable endowments, they, not without good reason, deem worthy of love and honor. I trust, however, that after explaining the nature of my undertaking, I shall not only be exempted from all blame, but there will not be an individual who will not admit that the cause which I have undertaken I could not on any account have abandoned without basely deserting my duty.

Schätze der Gnade: Impulse für die reformierte Bewegung

Das Martin Bucer Seminar hat das Jahrbuch 2013 mit dem Titel „Schätze der Gnade – Reformatorische Theologie im 21. Jahrhundert“ zum kostenlosen Download zur Verfügung gestellt. Darin sind unter anderem vier Aufsätze enthalten, die ich für die moderne reformierte Bewegung in Deutschland als sehr hilfreich empfinde.

Zum einen befaßt sich der Rektor des Martin Bucer Seminars, Thomas Schirrmacher, mit dem Reformator Johannes Calvin. Er stellt das Leben Calvins der schon zu Lebzeiten eintretenden Verleumdung entgegen, die dann in vielen Calvinbiographien kopiert wurde. Er war eben nicht der grausame, despotische, kalte Prädestinationsdiktator, sondern ein warmherziger, demütiger Christ, der seinen Beitrag zur Erneuerung der Kirche in Europa und zur Hinwendung zum Wort Gottes beigetragen hat. Der Artikel von Dr. Schirrmacher sollte helfen, Calvin als Identifikationsfigur teilweise zu rehabilitieren.