Der eindimensionale Mensch

Herbert Marcuse hat in seiner Gesellschaftskritik das Konzept des eindimensionalen Menschen entwickelt. Moderne Technik und soziale Strukturen würden einen Menschen hervorbringen, der nicht mehr fähig sei, zu reflektieren.

Ich denke, an seiner Kritik ist einiges dran, denn wir erleben dieses Typ Mensch heute überall. Menschen, die nur eindimensional über ein Problem nachdenken und aus ihrer gesellschaftlichen Echokammer heraus nur noch eine Meinung dulden.

Nur, wie kommt man aus dieser Eindimensionalität wieder heraus? Für Marcuse war der Weg dazu die gesellschaftliche Revolution und die Weigerung, sich von den Eigengesetzlichkeiten der Moderne bestimmen zu lassen. Dies wurde zu einem Hauptmotiv der 68er Bewegung. Das Ergebnis ist aus meiner Sicht aber sehr ernüchternd, denn die Rebellen sind dann selbst wieder einer neuen Eindimensionalität verfallen.

Die himmlische Eisenbahn

Nathaniel Hawthorne schrieb im 19. Jahrhundert eine Kurzgeschichte, die eine Fortsetzung von Bunyans Pilgerreise darstellt. Der aufreibende Pilgerweg wurde in der Geschichte von pragmatischen Gemeindebauern in eine Eisenbahn umgewandelt, welche die Pilger möglichst schnell und bequem zu ihrem himmlischen Ziel bringen soll. Nur daß sie am Ende eine böse Überraschung erleben, denn der Erbauer der Eisenbahn ist der Teufel selbst, der sich die ganze Zeit über verstellt hat.

Die Kurzgeschichte ist ein wunderbarer Kommentar auf moderne Gemeinden, die nicht klar das Wort Gottes verkündigen, sondern die Botschaft anpassen, um möglichst viele Menschen anzuziehen. Sie könnte nicht aktueller sein.

Gründe für die Säkularisierung

Charles Taylor reflektiert in seinem Buch „Ein säkulares Zeitalter“ darüber, was sich im Zuge der erfolgreichen Reformation im Denken der Menschen geändert hat. Johannes Calvin hatte laut Taylor ein zweifältiges Anliegen. Er wollte, daß die Menschen wieder alles zur Ehre Gottes allein tun. Und er wollte, daß sie sich bewußt werden, daß alles Gute, das sie im Leben empfangen und tun, nur durch die Gnade Gottes möglich wird.

Marktbasierter Gemeindebau vs. die Theologie des Kreuzes

Auch wenn es ein bißchen zynisch klingt, lohnt es sich doch zu fragen, ob die Mischung aus Konsumismus und Tourismus sich auch darin zeigt, wie Menschen heute Religion und Spiritualität nachfragen. Wir nennen sie Sucher, aber „Touristen“ wäre wohl die bessere Beschreibung. Der Ausdruck „Sucher“ beschwört Gedanken an ein Ziel. Man muß nach etwas bestimmten Ausschau halten, um als Sucher zu gelten, aber wir sind mittlerweile gewöhnt daran, Konsumenten und Voyeure der Erfahrungen anderer Menschen zu sein. Anders als Suchende, haben Touristen kein Interesse daran, sich zu verpflichten, sobald sie das gefunden haben, was sie suchten. Sie sind durch fast alles so fasziniert, wie eine Asienrundreise faszinierend ist.

Theologia Crucis

In diesem Video reden Mark Driscoll und Joshua Harris mit Francis Chan über seinen Schritt, eine große, funktionierende Gemeinde zu verlassen und eine neue Gemeinde in Los Angeles zu gründen, welche die radikale Nachfolge Jesu im Zentrum hat.

Es fällt auf, wie stark Chan von den beiden anderen hinterfragt wird, warum er den Schritt macht, eine Stelle des guten Ansehens, Einkommens und Einflusses zu verlassen, um nochmal neu in relativer Unbekanntheit zu starten. Es wird deutlich, wie sehr die evangelikale Bewegung von Götzen beeinflußt ist und Chan muß sich mehrfach erklären, daß er diesen Weg nicht geht, weil er eine falsche Theologie der Armut hat, sondern weil er von Herzen Christus liebt und vor allem ihn immer besser kennenlernen will.

Kein Platz für Wahrheit

Theologie, die Lehre von Gott, ist ein Fremdwort in unseren Gemeinden geworden, teilweise sogar ein Haßwort. Wir wollen Gemeinde bauen, Gemeinschaft leben, Menschen mit dem Evangelium erreichen. Da bleibt keine Zeit für die dröge Beschäftigung mit tieferen Wahrheiten. Nur was funktioniert, zählt. Viele Christen begnügen sich mit einem oberflächlichen Gottesbild und mit einer Einstiegskenntnis der Bibel, solange sie für ihr Leben Trost und Halt finden.

David Wells beschäftigt sich in seinem denkwürdigen Buch „No Place for Truth: or Whatever Happened to Evangelical Theology?“ mit den Gründen für die nebensächliche Rolle bzw. das Verschwinden der Theologie in den evangelikalen Gemeinden.

Angriff auf die Moderne

Der christliche Glaube ist in der modernen Welt vielen Einsprüchen und zum Teil Widersprüchen ausgesetzt. Viele Menschen wollen an den alten Gott des Christentums nicht mehr glauben. Oder sie halten die christliche Moral für überkommen. Die Bibel als historisch zuverlässiges Buch wird selbst innerhalb des Christentums kaum noch für voll genommen. Wie können, wie sollen wir als Christen den Herausforderungen des modernen Weltbilds begegnen?

Den Weg, den die evangelische Kirche in Deutschland beschritten hat, kann man mit dem Wort Anpassung zusammenfassen. Sie hat sich dem modernen Zeitgeist angepaßt und die biblische Botschaft gleich mit. Statt ewige Antworten auf zeitliche Fragen zu geben, hat sie sich zum Bauchredner des Zeitgeistes entwickelt, der versucht, die Bibel irgendwie relevant für die moderne Zeit zu machen.

Gedanken zur Gemeindewachstumsbewegung

In seinem einflußreichen Buch „Dining with the Devil – The Megachurch Movement Flirts with Modernity“ setzt sich der Autor Os Guinness mit der Frage auseinander, wie die Moderne das Christentum beeinflußt und, weil sie vielfach unkritisch aufgenommen wird, auch verändert.

Die Moderne als globale Kultur ist heute ein zentraler Fakt des menschlichen Lebens. Sie wurde aus den Kräften der Modernisierung, Kapitalismus, Industrialisierung und den modernen Kommunikationsmöglichkeiten geboren. Für Menschen im allgemeinen, aber auch für Nachfolger Jesu, ist sie ein zweischneidiges Schwert. Sie eröffnet viele Möglichkeiten, birgt aber auch Gefahren. Im Zuge der Moderne wurde die Frage der kulturellen Autorität neu gestellt und neu beantwortet. Welche Gruppen und Institutionen beeinflussen die Werte, Ziele und Ideale einer Gesellschaft? Die Moderne stellt die Gemeinde Christi vor die Versuchung, an dem Konsumdenken der größeren Gesellschaft teilzunehmen statt in die echte Nachfolge Christi zu treten.